Kreativwirtschaft braucht geeignete Immobilien

Quelle: Gewerbeimmobilien Newsletter Wentzel Dr. April 2012 

Jede Metropole braucht – das wissen wir von Richard Florida – Kreative, um ökonomisch erfolgreich zu sein, um ein anregendes kulturelles Umfeld für solvente Bewohner zu bieten. Der Flächenbedarf für die Kreativwirtschaft in Hamburg reicht von verlassenen, günstigen Lagerschuppen im Hafen bis hin zu den Topimmobilien in der City West. Gerade Eigentümern wenig marktgängiger Immobilien sollte die Kreativoption gegenwärtig sein.

Raum für Ideen bietet der Brandshof am Brandshofer Deich – unweit der Elbbrücken.

Spätestens seit den öffentlichkeitswirksamen und letztlich erfolgreichen Protesten gegen den Bau hochpreisiger Wohnungen und Büros im Hamburger Gängeviertel sind die Raumbedürfnisse von Künstlern und Kreativen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Die jetzt im Auftrag der Kulturbehörde vorgestellte Studie zur Kreativwirtschaft in Hamburg illustriert ihre große Bedeutung für die Immobilienwirtschaft.

80.000 Erwerbstätige

Mit rund 80.000 Menschen (mit einem Einkommen von über 17.500 Euro jährlich) arbeiteten knapp 7% der Erwerbstätigen 2008 in den Segmenten Buch- und Kunstmarkt,  Presse, Design sowie Computerspiele und Software. Der Anteil der Selbständigen war mit über 18% doppelt so hoch wie in der Gesamtwirtschaft. Der durchschnittliche Umsatz je Betrieb von 0,8 Mio. Euro jährlich ist deutlich unterdurchschnittlich.

Mit dem Kreativumsatz von 10,6 Mrd. Euro lag Hamburg 2008 vor Berlin (9,1 Mrd. Euro) oder München (9 Mrd. Euro) auf Platz 1. Doch ist der Vorsprung zu den Verfolgern deutlich gesunken. Während der Umsatz auf dem Hamburger Pressemarkt – dem mit Abstand umsatzstärksten Teilmarkt – durch Umzüge nach Berlin von 2003 bis 2008 um 43% sank, nahm der Umsatz der Softwarentwickler um 150% zu.

Kreative machen Trendquartiere

Als Schwäche sehen die Kreativler – neben mangelnder Wertschätzung und unzureichenden geeigneten Finanzierungsformaten – Schwierigkeiten, passende Immobilien zu finden. Noch nicht etablierte, eher arme Künstler und Kreative gelten als Trüffelschweine für künftige Trendquartiere. Ottensen, St. Georg, die Schanze oder das Karoviertel etablierten sich durch ihre schillernde Subkultur als begehrte Wohnquartiere für solvente Fraktion der Kreativbranche – und für Freunde lebendiger Urbanität.

Kreativagentur geht ins Risiko

Für die weniger betuchten unkonventionell Kreativen wurden diese Quartiere zu teuer und sie erschlossen neue städtische Nischen, etwa das Reiherstiegviertel in Wilhelmsburg, das frühere Frappant-Gebäude in Altona-Altstadt oder eben das Gängeviertel.

Zwischen der Immobilienwirtschaft und solchen Kreativnutzungen gibt es Interessensschnittstellen. So können sonst schwer vermarktbare Immobilien günstig für Zwischennutzungen vermietet werden. Gleichzeitig kann die Immobilienwirtschaft kreative Zwischennutzer für ein positives „Branding“ von Standorten nutzen. Die Kreativ Gesellschaft der Kulturbehörde vermittelt inzwischen günstige Flächen an Kreative – etwa im früheren Finanzamt Altona in der Großen Bergstraße. Dabei agiert die Kreativ Gesellschaft als Hauptmieter, trägt so das Risiko des Mietausfalls bei der kleinteiligen Vermietung, steht für die Kaution ein und organisiert die Untervermietung einzelner Räume. Das erlaubt die Erschließung geeigneter Objekte, deren Vermieter das Risiko und die Mühe einer kleinteiligen Vermietung scheuen.

Oberhafen und Wilhelmsburg

Auch das Oberhafen-Quartier in der Hafencity ist nach Auslaufen der Pachtverträge 2013 für Kreative reserviert. Ähnliches gilt für die anschließenden Quartiere um den Großmarkt sowie den Brandshof an den Elbbrücken. Hier werden Synergien mit dem im Bau befindlichen DesignXport im Elbtorquartier der Hafencity erhofft. Auch die IBA in Wilhelmsburg ermöglicht die Umnutzung einer Fabrik am Veringkanal für 90 Ateliers mit 4.000 m2 Nutzfläche.

Der Kreativwirtschaftsbericht steht als Download unter www.kreativgesellschaft.org zur Verfügung.

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